Bimbalon, Bier und der Sex

 

 

 

Im Himmel der Bierseligen

124 Brauereien, mehr als 1 000 Sorten - das Gebräu der Belgier entspricht zwar nicht dem deutschen Reinheitsgebot, soll aber aphrodisisch wirken





RUTH REICHSTEIN BRÜSSEL Schwungvoll greift sich Zou Sai Quing ein paar Dreiviertelliterflaschen und stellt sie auf den Tisch. In den Händen
der zierlichen Chinesin wirken die Flaschen schwerer und unförmiger, als sie ohnehin schon sind. Es zischt und brodelt, Schaum quillt heraus, sobald Zou Sai Quing die Pullen öffnet. "Das ist mein Bier. Es ist wundervoll", sagt sie und schenkt ihren Besuchern das goldbraune Gebräu in bauchige Gläser ein.

Zou Sai Quing ist eigentlich Sexualforscherin und Kräuterexpertin, aber vor ein paar Monaten ist sie unter die Bierbrauer gegangen. "Ich wollte ein ganz besonderes Bier. Es wirkt anregend. Wenn ich es getrunken habe, bekomme ich das Gefühl, dass warmes Wasser durch meine Adern fließt", sagt Quing.

"Desir" - "Begierde" hat sie ihre Erfindung getauft. Das dunkle Bier soll aphrodisisch wirken mit seinen neun Kräutern, Lakritze, Datteln und Orangenschalen.

Die Chinesin, die seit Jahrzehnten in Brüssel lebt, ist eine von vielen in Belgien, die ihr eigenes Bier brauen lassen. Immer mehr kleine Brauereien bieten den Service an. Ab 800 Liter gibt es die Flasche für 2,50 Euro.

Bier ist für die Belgier nicht einfach nur Bier. "Bier gehört zu unserer nationalen Identität. Bier ist Kultur", sagt Pierre Zuber,
der in seinem Geschäft in der Brüsseler Innenstadt mehr als 200 Biersorten verkauft. In die Regale des jungen Ladenbesitzers kommt aber nicht jedes Bier. Pierre Zuber verkauft nur, was ihm selbst schmeckt und seinen Qualitätskriterien entspricht - darunter auch "Desir" von Zou Sai Quing.

Ganz genau weiß niemand, wie viele verschiedene Biersorten es tatsächlich gibt in Belgien. Aber mehr als 1 000 sind es bestimmt, schätzt Pierre Zuber. Die Palette reicht vom hellen Weißbier über die dunklen Trappist-Biere, die meist aus Klosterbrauereien kommen, bis hin zu den Fruchtbieren, die mit Himbeer-, Erdbeer- oder Pfirsichsaft gemischt werden. Daneben wirkt die deutsche Bierlandschaft eher überschaubar und langweilig.

Nach deutscher Definition fällt das Gebräu aus dem Nachbarland dagegen in die Kategorie unreines Bier. Denn Belgien kennt kein Reinheitsgebot. Jenseits
der Ardennen darf jeder brauen - zumindest für den Hausgebrauch. Im Supermarkt gibt es Brau-Kits, Anleitung inklusive. Erlaubt sind 99 Liter pro Brauvorgang. Bier hat in Belgien Tradition. Im 19. Jahrhundert gab es mehr als 3 000 Brauereien - im Durchschnitt drei pro Dorf. Heute sind 124 Brauereien übrig geblieben, die größte ist Inbev. Nach vielen Zukäufen und dem Zusammenschluss mit einer brasilianischen Brauereigruppe vor zwei Jahren ist Inbev weltweit die Nummer eins unter den Bierkonzernen.

"Wir haben hier in Belgien eine Mischung
der nordischen und der französischen Kultur", sagt Lian Verhoeven von Inbev. Das bedeutet: Man trinkt Bier wie ein gutes Glas Wein. Bierverkäufer Zuber gibt die genaue Anleitung dazu: "Das Bier trinkt man zuerst mit den Augen, schnuppert dann daran, genießt den Schaum, und letztendlich trinkt man das Bier", schwärmt er und schenkt sich ein bisschen Kirschbier, ein. Er nähert sich dem Glas mit seiner Nase, bis diese fast an die Schaumkrone stößt - und nippt: "Mmh, schön frisch. Fast wie Rotwein."

Die Belgier haben für fast jede Weinsorte ihr Bierpendant. Die "Stille Nacht" schmecke zum Beispiel fast wie
der süße und teure Weißwein aus Süd-Frankreich, der "Sauterne", meint Zuber. Und genau wie beim Wein gibt der Bierhändler Tipps für Trinktemperatur und Lagerung: "Viele Biere gären in der Flasche nach und haben erst nach sechs Monaten ihren vollen Geschmack erreicht." Manche der edlen Biere werden schon mal für zwölf Euro in der 0,3-Liter-Flasche verkauft.

Bier darf in Belgien auch bei
der Zubereitung von Essen nicht fehlen - zumindest nicht bei Alain Fayt. Der Brüsseler Koch gibt gerne zu, dass sein Bauchumfang auch seiner Bierleidenschaft zu verdanken ist. In seinem Restaurant "Restobieres" gibt es kein einziges Gericht ohne sein Lieblingsgetränk. Sein Kaninchen übergießt er mit einer Sauce aus Lebkuchen und dunklem Bier. Zum Hummer passt am besten Bier mit Kirschgeschmack. Und in den Pasteten und Kartoffelpürees ist natürlich auch immer mindestens ein Tropfen Bier.

Auch Alain Brottcoorens ist Bierfan: "Wir trinken das Bier nicht alleine vor dem Fernseher. Bier ist ein Getränk für alle Gelegenheiten - auch zur Hochzeit oder zur Taufe", sagt er.
Der 43-Jährige rennt zwischen grünen Plastiktischen und einem Tresen aus Holz hin und her und schenkt seinen Gästen Bier nach. Brootcoorens hat vor einigen Jahren eine Mikro-Brauerei in Erquelinnes in der Wallonie eröffnet. Dort braut er jedes Jahr 10 000 Liter Bier nach Eigenrezept. Das verkauft er an Besucher der Brauerei und Restaurants und Cafes in der Umgebung. Für Brootcoorens ist das Bier vor allem Genuss und eine Entdeckungsreise in die Welt der Gewürze und Pflanzen. Unter der Woche arbeitet er als Erzieher mit geistig behinderten Kindern. Am Wochenende taucht er ein in seine Bierwelt. Im vergangenen Jahr hat er einen Hopfengarten angelegt - gegenüber der Brauerei. Dort wuchern die Pflanzen jetzt Bohnen gleich gen Himmel. "Bei uns ist alles 100-prozentig Natur. Keine Chemie, keine Zusatzstoffe. Wir sind echte Bierkünstler", sagt Brootcoorens. Deshalb hat sich Zou Sai Quing für Brootcoorens entschieden, als sie eine Brauerei für ihr Desir-Bier suchte. Sie brachte die Kräuter mit, Brootcoorens das Rezept fürs Bier.

In
der kleinen Brauerei, die im Erdgeschoss eines ganz normalen Wohnhauses untergebracht ist, stapeln sich rote und blaue Kästen mit den grünen Flaschen. Nicht nur Zou Sai Quing, sondern auch Städte und Sportvereine lassen hier ihr persönliches Bier brauen.

Brootcoorens Bier schwappt immer wieder über den Glasrand, wenn er mit wilden Gesten über Hopfen und Malz redet: "Wir verdienen mit unserer Brauerei kaum etwas -
im Vergleich zu Inbev sind wir ein Zwerg. Aber wir pflegen die belgische Biertradition."

Das weiß man auch bei dem Braugiganten: "Wir brauchen die kleinen Brauereien, damit Belgien den guten Ruf als Bierland behält", sagt Lian Verhoeven von Inbev. Und damit das auch so bleibt, exportiert Inbev nicht nur das Bier ins Ausland, sondern die belgische Bierkultur gleich mit - zum Beispiel in rund 60 Belgian Beer Cafes überall in
der Welt.

Das chinesisch-belgische Liebeselixier "Desir" wird dort noch nicht verkauft. Aber Alain Brootcoorens hat ein gutes Argument parat, um dies zu ändern: "Bier oder Sex - endlich müssen wir uns nicht mehr entscheiden und bekommen mit ,Desir' beides in einem."